Medizin mit Stock

Natur erleben

18
Ap
Fantasie
18.04.2019 15:43

"Denk an was Schönes!"

Das empfahl mir meine Mutti immer dann, wenn ich nicht einschlafen konnte - damals, als ich ein kleines Mädchen war. Mitunter war es in meinem Kinderzimmer aber auch verdammt gruselig! Schaute doch tatsächlich der Teufel aus meinem Spiezeugschrank grinsend heraus! 

 

Jedoch daran war ich selbst Schuld, hatte ich die Schranktür nicht ordentlich verschlossen und die gute Holzkasperpuppe zeigte ihr grün-rotes Gesicht, denn anderen Platz gab es für sie nicht bei all dem Wichtigen im Schrank. 

Merkwürdige Geräusche bummerten in die Stille. Schnell etwas Schönes herbeidenken! Zum Glück ließ der dicke Brummel, mein Teddybär,es zu, dass der kleine Angsthase sich hinein verkriechen konnte. Das gleichmässige Bum-bum-bum wurde ruhiger, galoppierte nicht mehr in meinem Ohr und im Lockenkopf konnte in nahezu absoluter Sicherheit die Suche nach dem Schönen starten. Das kam hervor und begann vor meinem inneren Auge zu tanzen: Mal war es die Vorfreude auf etwas Konkretes, mal das Nachträumen eines Märchens, das selbstverständlich glückvoll ausging. 
Ich begann zu fabulieren. Größer geworden, schrieb ich oftmals auf, was da so in meinem "Köppel" steckte. Das tu ich bis heute. 
Manchmal aber wurden und werden die schönen Geschichten ganz schön lang und, entgegen Muttis Erwartung, rauben sie mir etwas Schlaf. 

Was ich wurde und bin, hat viel mit Muttis Rat zu tun. Mir fiel das vorhin auf. Ich muss es ihr sagen, sie wird dieses Jahr 83. 
Wenn heute der alte hölzerne Gruselteufel mich von meiner Schrankwand herunter angrinst, schmunzele ich über die Kinderängste. Viele Jahre sind vergangen und, normal irgendwie, es kam viel, viel dicker als dieses HUUUU - ICH BIN DER TEUFEL. 
Doch bei allem: "Denk an was Schönes!" 
Ich las und bin, um mit Strittmatters Worten aus einem meiner Lieblingsbücher zu glänzen : "Empfindlich uff die Wörter."

Ich las gern Zweig, Heine, Goethe, Balzac. Musste mich durchkämpfen. Aitmatows Werke, allesamt. Das formte. Noch heute lache ich über Kants "Aula". Darf man das noch zugeben? Christa Wolf, Gisela Steineckert, ihre Sprache mag ich. Mit riesigem Spaß las ich die "Schackelstern"- Geschichten und und und.Ich erwähne einige, weil sie heute zu oft vergessen wurden. Sich mit ihren Werken aus heutiger Sicht zu befassen empfinde ich als lohnenswert. Niemand kann aus seiner Zeit herausspringen, aber sie haben uns trotzdem etwas zu sagen. 

Manche dieser meiner schönen Einschlafgeschichten habe ich wahr machen können. Gut, es wurde kein Doppelstockbus, mit dem ich Reisen unternehmen kann und in ihm übernachten. Ein Minibus tut es sehr wohl auch. Okay, ich wurde keine Prinzessin und kein Filmstar ließ Jungmädchenträume wahr werden. Ist nicht nötig. 
Wer nun meint: OHA, ein Tagträumerchen - nö. Wobei, Tagträume helfen so manche Kreativität in Gang zu bringen. 
Nicht immer war es einfach, das Schöne zu finden, absolut nicht. Jedoch irgendwann kam auf dem dunklen Rumpelgleis dann doch eine Weiche und die Reise führte aus dem Tunnel heraus, wenn man selbst rechtzeitig die Kurve bekommt oder sich zumindest in sie hinein legt. Manches Mal muss ich ordentlich fluchen, kann wütend sein wie als Kind. 
Kritisch sein, ja Mutti, nicht nur träumen und den Teufel an den Hörnern packen, hinten in den Schrank stecken, Tür zu, gut vorher Ordnung schaffen in dem Chaos von 1000 Dingen, dann ist der Blick wieder freier. 

All die Geschichten lassen sich zu Bildern formen. Auch in ihnen träume ich gern weiter oder halte mich an dem fest, dessen schlichte Schönheit ich bewundere.

Vom Sturm, dem Ast und anderem
Die Sprache der Bilder

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