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Sagen wird man über unsre Tage
29.10.2020 09:33

Hallöle!

Ich schreibe heute dieses "Hallöle", weil ich mehrere anspreche (vermute ich), aber nicht weiß, wen alles. 

Also: Ich grüße dich. Schön, dass du wieder hier bist!

"Sagen wird man über unsre Tage", so beginnt ein Gedicht von KuBa. Jajaja, ein echtes DDR-Gedicht. 

"Sagen wird man über unsre Tage:
Altes Eisen hatten sie und wenig Mut,
denn sie hatten wenig Kraft nach ihrer Niederlage.
Sagen wird man über unsre Tage:
Ihre Herzen waren voll von bitt’rem Blut
und ihr Leben lief auf ausgefahr’nen Gleisen, "  usw. usf.

Mir fällt diese erste Zeile in unseren Tagen immer wieder ein. Und dazu kommt die Frage:

Was wird man über unsere Tage sagen?

Ich weiß es nicht, denn ich bin keine Prophetin. Als "hoffnungsloser Fall von Optimismus" jedoch hoffe ich, man wird sagen:

Es war eine schwere Zeit. Doch sie wurde gemeistert, letztendlich. Sie war der Anbeginn eines Umbruchs.

"und man wird auf gläsernen Terrassen stehn
und auf Brücken deuten und auf Gärten weisen
und man wird die junge Stadt zu Füßen liegen sehn
und wird sagen, die den Grundstein dazu legten
wurden ausgelacht und hungerten, und doch
planten sie und bauten und bewegten Trümmersteine.
Und im überlegten Handeln fluchten sie
und zweifelten noch ihre eig’ne Kraft an."

 

Hmm, hungern muss bisher kaum einer. Also hier in Deutschland. Neiiin, ich vergesse nicht all diejenigen, denen es finanziell schlecht geht. Und verdammt nochmals, schon gar nicht diejenigen, die nicht mehr zur Tafel gehen können, weil die Tafel schließen musste, weil die dort agierenden Ehrenamtler alle zur stark gefährdeten Risikogruppe gehören. Nein! Neues Wort in unseren Tagen: Risikogruppe. So wie viele andere Begriffe, die es nun gibt. Darauf war wohl kaum einer vorbereitet, bis auf jene, die schon länger warnten.

Doch das Fluchen und Zweifeln, das Ausgelachtwerden - ja, das ist Alltag geworden. 

Jajaja, Amen. ... neee nicht Amen, denn das heißt ja "so soll es sein". Nee.

Apropo Tafel - auf Facebook u.a. sogenannten sozialen Netzwerken finde ich bisher kein Wort dafür, für die Tafeln in Deutschland usw. Nunja, denen gehts ja schon immer schlecht - nich. 

*****

Gestern wurde mein Buch, also das, was ich darin verdeutlichen will, bestätigt. Es rührt mich. 

K. kam gestern zum letzten Male zum Mittwochtraining. Ab Montag wird sie im Hamburger Modell arbeiten und kann dann nicht mehr vormittags kommen. Ihr Danke an die Gruppe für die gemeinsame Zeit, ja das macht mich stolz. Sie erklärte, wie wichtig diese Zeit für sie gewesen sei, die Gespräche, das Mutmachen, das Miteinander. Und sie strahlte. Schicke Frisur wieder. Mut, Kraft und Selbstvertrauen. Ich schaue nicht zurück, wie es war mit ihr, als sie zu uns fand. Nein. Mein Antrieb ist zu sehen, wie die Ängste überwunden werden, wie sie zu sich finden, wie sie dann genauso da stehen und ihr Leben wieder anpacken.

Und dann, zu Hause, lese ich Facebook. Kurzum, ich habe mich entschlossen, da vorerst nicht mehr zu lesen, bis auf eines:  direkte Antworten an mich. 

Krafträuber kann ich mir genauso wenig wie jeder andere Mensch leisten.

Was wird man sagen über unsere Tage?

Wird all das, was geschaffen wurde, wie eine Seifenblase zerplatzen? War das, was vielen, vielen wichtig ist, zu schnell vergänglich?

Können wir gemeinsam begreifen, dass wir gemeinsam stark sein können? Aber wir können uns auch durch Zweifeln, permanente Kritik, Verblenden, Ignoranz usw. schwächen, schwächen derart, dass der schöne Schein platzt.

Das Kommen und Gehen ist ein Naturgesetz. Die Schwarzen Löcher, die Weißen Zwerge, die Roten Riesen - gehören dazu wie die Samen, aus denen etwas wächst, aufblüht, verblüht und neue Samen streut.

Die Schönheit des Augenblicks ist auch die Hoffnung auf weitere. 

Tja, das waren Gedanken, die ich in diesem Bild verpackt habe:

Was hat das mit meinem Buch zu tun?

Verdammt viel. 

Vor 14 Jahren lag ich um diese Zeit im Krankenhaus. Mir war die rechte Brust abgenommen worden.

In meinem Buch "Lass mich mit einem Kamel Lambada tanzen" kannst du nachlesen, was ich dazu aus meinem Tagebuch aus dieser Zeit veröffentlicht habe.

Ich lebe! Weiterhin ohne rechte Brust. Jaa, ich wäre schon gern komplett. Andererseits hat mich dieser verfluchte Krebs komplettiert - ich habe mich frei gebuddelt. Schmerzhaft. Aber ich habe etwas gelernt, das mir jetzt hilft, nicht zu verzweifeln. Auch wenn ich oft genug Angst hab - um all die Menschen, die ich lieb hab, und um meine Freunde und um mich natürlich ebenfalls. Und ich habe Angst vor jenen, die statt Lösungen zu finden, protestieren gegen Notwendiges, kritikastern, sogar Lügen verbreiten und gemeinsames Entgegenstemmen verhindern.

******

Brecht zu zitieren ist nicht immer falsch oder doof-links:

- aus seinem Galilei:

"Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!"

und

Wer kämpft, kann verlieren.

Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Wo er das Kämpfer-Zitat aufgeschrieben hatte, weiß ich nicht. Kämpfen wir gemeinsam - nicht gegen sondern für eine Lösung aus dieser Pandemie. Mit Herz, mit Verstand, mit Empathie und auch mit Vertrauen. Und bitte, bitte denkt daran:

Frauen wie K. können neben euch stehen - gefährdet sie nicht! 

Habt Ehrfurcht vor dem Leben, wie Albert Schweitzer sein Buch betitelte.

Zum letzten Satz AMEN. Ja.

Hab trotz allem eine gute Zeit - sei nicht dein stärkster Gegner!

Alles Liebe

Deine Marita

 

Es herbstet
Butter bei die Fische

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